Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. (Prediger 4,6)
Unser jüngster Sohn ist, ganz wie sein Vater, eine wandelnde Jukebox. Er summt und singt vor sich hin und teilt großzügig seine Ohrwürmer mit der ganzen Familie. Seit einigen Wochen ist es vor allem der Song „Du bist gut genug“ von den Musiker:innen Kitschkrieg feat. Blumengarten & Shirin David. In dem Lied geht es darum, den inneren Druck loszuwerden, der entsteht, weil wir ständig Leistung bringen und Perfektion erreichen wollen. Beides gekoppelt mit den ständigen Vergleichen mit anderen. Stattdessen: Du bist gut genug!
Höher, schneller, weiter – bloß immer mehr erreichen. „Mehr“, das klingt wie ein Versprechen: Mehr Möglichkeiten, mehr Erfolg, mehr Besitz, mehr Erlebnisse. Wir leben in einer Zeit, in der Herzinfarkt und Burnout als Begleiterscheinungen eines engagierten, von taffer Arbeitsmoral geprägten Lebens fast schon gewürdigt werden. Ein voller Terminkalender sieht gut aus und macht Eindruck. Bis zum Hals in Arbeit stecken, von Termin zu Termin hechten, Kaffee, Tee oder Engergydrinks wie Wasser trinken, um dem Schlafmangel etwas entgegenzusetzen und dennoch nie fertig werden. Nie ankommen. Immer eine mal leise, mal laute Stimme im Kopf, die einem sagt, was man alles noch hätte schaffen müssen. Oder wie der Prediger sagt: „Beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“
Und gleichzeitig gibt es die entgegengesetzte Bewegung, die zu Achtsamkeit aufruft. Entschleunigung und Arbeitszeitreduzierung, um eben nicht auszubrennen. Zeit für Familie, Arbeit und Freizeit. Raus aus dem Hamsterrad der Arbeit. Schluss mit dem Vergleichen. Häng deinen Perfektionismus an den Nagel. Und dein Imposter-Syndrom (dt.: Hochstapler-Syndrom à Zweifel an eigenen Fähigkeiten, Angst, als unfähig entlarvt zu werden) gleich daneben. Denn: Du bist gut genug! Gönn dir Auszeiten und schöpfe Kraft. Oder wie der Prediger sagt: „Eine Hand voll Ruhe.“
Mir fällt das schwer. Und weil das so ist und ich das weiß, trage ich mir in meinen Kalender Pausen ein. Unterbrechungen im Alltag, um durchzuatmen und still zu werden. Genauso wie Exklusivzeit mit meinem Mann, Auszeiten mit meinen Kindern, Treffen mit Freund:innen. Ja, ich muss diese Handvoll Ruhe planen. Tue ich es nicht, bin ich mit zwei Fäusten voll Mühe unterwegs und versuche den Wind zu haschen. Bis es wieder neben mir erklingt, mit heller Kinderstimme, leise und doch durchdringend: „Du bist gut genug!“ Stimmt. Also: Fröhlich die Pausetaste drücken, fünfe grade sein lassen und eine Handvoll Ruhe genießen. Das geht auch, indem wir die Musik aufdrehen und tanzend singen:
Du bist gut genug
Ich weiß nicht, was die Welt dir sagt
Bleib einfach nur du
Du bist gut genug
Du bist gut genug
Du bist gut genug
Du bist gut genug
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf