Angedacht November

Der HERR wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. (Jesaja 2,4)

Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an Navanethem „Navi“ Pillay, so titelt die Tagesschau am 9. Oktober.  Das norwegische Nobelkomitee ehrt damit eine südafrikanische Juristin und Menschenrechtlerin. Geboren wurde sie 1941 in Durban, an der Ostküste Südafrikas. Ihre tamilische Familie gehört zur indischstämmigen Minderheit Südafrikas. Sie wuchs mit ihren sechs Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf, und dennoch förderten ihre Eltern die Entwicklung der Kinder. Der Schulleiter erkannte schließlich Navanethems Potential und bat die Gemeinde Clairwood in Durban, gemeinsam ihr Studium an der Universität zu ermöglichen. Und es gelang. Die Menschen sammelten Geld, die Universität gewährte ihr ein Stipendium und Navanethem konnte Jura studieren. Natürlich in einem gesonderten Gebäudekomplex, da der vorherrschende Rassismus ein gemeinsames Studieren von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft nicht erlaubte. Ihr wurden aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts etliche Steine in den Weg gelegt und doch eröffnete sie 1967 als erste Frau in der Provinz Natal eine Kanzlei. Sie verteidigte viele Opfer der Rassentrennung und Aktivisten der Anti-Apartheid-Bewegung. Einer von ihnen war ihr späterer Ehemann Gaby Pillay. Sie machte Folter, rechtswidrige Verhörmethoden und Isolationshaft und deren negative Folgen öffentlich und erstritt 1973 in einem Verfahren gegen die Behörden der Haftanstalt Robben Island das Recht politischer Gefangener auf Zugang zu Rechtsbeistand. Einer, der u.a. davon profitierte war Nelson Mandela.

Weil ihr Studium unter der Apartheid riesige juristische Lücken aufwies, besonders auf dem Gebiet Völkerrecht, suchte sie nach Weiterbildungsmöglichkeiten. Ende der 70er Jahre wurde sie an der Havard Law School in den USA zugelassen und konnte dort 1982 ihren Master-Abschluss erreichen. 1988 wurde ihr als erste nichtweiße Südafrikanerin der Doktor des Rechts (Doctor of Judical Science) verliehen. Mit diesem Abschluss in der Tasche kehrte sie nach Südafrika zurück und lehrte an der Universität von Durban-Westville.

1992 gründete sie mit der US-Amerikanerin Jessica Neuwirth die internationale Frauenrechtsorganisation Equality Now (dt. Gleichberechtigung jetzt). Gemeinsam setzten sie sich für die Verankerung von Freiheits- und Bürgerrechten in der künftigen Verfassung Südafrikas ein. 1995 ernannte Präsident Nelson Mandela sie als erste nichweiße Frau zur Richterin am Obersten Gerichtshof Südafrikas. Im gleichen Jahr wurde sie zur Richterin am Internationalen Gerichtshof für Ruanda berufen, um dort den Völkermord von 1994 aufzuarbeiten. Sie gehörte dem Tribunal acht Jahre an und fällte einige für das Völkerstrafrecht wegweisende Urteile.

Von 1999 bis 2003 war sie Präsidentin des Gerichtshofs, dann wurde sie zur Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag berufen und gehörte diesem bis 2008 an. Daran schloss sich ihre Tätigkeit als Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte an.

Navanethem Pillay ist eine Kämpferin für Menschenrechte, Völkerrecht und Frieden. Und sie ist umstritten. Unter anderem, weil sie bis 2025 der Faktfindungsmission der Vereinten Nationen zum Israel-Palästina-Konflikt angehörte, die in ihrem Abschlussbericht feststellte, dass auf beiden Seiten Kriegsverbrechen begangen wurden und Israel im Gazastreifen Völkermord begangen habe.

Nun wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen „für ihre Bemühungen um Frieden uns internationales Recht“. Ihre jahrzehntelange Tätigkeit als Richterin und Juristin in den verschiedenen Gremien und Kommissionen, ihr Beitrag „die strafrechtliche Ahndung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord weiterzuentwickeln und Institutionen des internationalen Rechts zu stärken“, wurden besonders in der Begründung der Preisvergabe gewürdigt.

 Mich beeindrucken Menschen, die sich so engagiert und vehement für den Frieden einsetzen. Die um Recht und Gerechtigkeit ringen und ihren Teil dazu beitragen, diese Welt und unser Miteinander friedfertiger zu gestalten. Die keine Angst vor kontroversen Themen und schwierigen Entscheidungen haben und sich dem Sturm der Kritik stellen. Die davon träumen, dass eine gerechte Welt möglich ist und alles ihnen Mögliche tun, um diesem Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Einen Traum, den schon Jesaja träumte in einem vom Krieg zerstörten Land. In einer von Gewalt erfüllten Welt.

Schwerter zu Pflugscharen – dieses geflügelte Bibelwort, das auch in Micha 4,3 zu finden ist, träumt vom Völkerfrieden und der weltweiten Abrüstung. Es wurde zum Symbol der Abrüstungsinitiative in der ehemaligen DDR und der westdeutschen Friedensbewegung.

Lassen auch wir uns von diesem Traum anstecken! Setzen wir uns für Recht, Gerechtigkeit und Frieden ein! Vielleicht nicht an internationalen Gerichtshöfen und in den großen Krisenherden der Welt, sondern dort, wo wir leben und mit Menschen zusammentreffen. Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden, Ausgrenzung erfahren, mit denen wir im Streit sind. Wo ist es an mir, mein Schwert umzuschmieden und das Ende eines Krieges zu verkünden? Und in welchen Situationen sammle ich meinen Mut zusammen, um Haltung zu zeigen und für andere einzutreten – auch auf die Gefahr hin, dass sich Kritiker und Widersacher erheben?

Träumen wir mit Jesaja, Micha, Mandela und Pillay und streben nach Frieden und Gerechtigkeit.

Pastorin Elisabeth Denkers

Christuskirche Großhansdorf