Da weinte Jesus
Johannes 11, 35
Ich stehe an ihrem Grab. Der Efeu hat sich ausgebreitet. Das kleine Schild mit ihrem Namen ist völlig überwuchert. Genauso wie die bunt bemalten Steine ihrer Enkeltöchter, die dort schon etliche Jahre liegen. Nur der Schmetterling ganz oben auf dem Metallstab ragt über das immergrüne Blattwerk hinaus und seine Flügel bewegen sich im leichten Wind. 15 Jahre sind vergangen und dennoch, sobald ich dort stehe, überrollt mich der Schmerz. Das Vermissen reißt die alte Wunde auf. Meine inzwischen so großen Kinder, von denen sie nur das erste kurz kennengelernt hat, führen mir vor Augen, was wir alles verpasst haben. Wo ich sie gebraucht hätte. So viele Fragen, die ich nicht mehr stellen konnte. Ratschläge, die mir entgangen sind. Ihr blieben die lang ersehnten Enkel vorenthalten. Was für eine liebevolle Oma sie gewesen wäre! Ich weine. Und meine Kinder stehen neben mir. Wir halten uns aneinander fest. Sie vermissen eine Oma, die sie nur aus meinen Erzählungen kennen. Nach der sie sich sehnen, weil sie sie so sehr geliebt hätte.
Wir setzen uns auf die Bank unter den Baum, gegenüber vom Grab und spüren dem Schmerz, dem Vermissen und der Sehnsucht nach. Ich erzähle von meiner Mama und den anderen Verwandten, die dort begraben sind. Unser Jüngster langweilt sich. Er springt zwischen den Gräbern herum, liest Namen vor und erkundet den kleinen Friedhof. Seine Schwestern hören zu, fragen nach. Irgendwann versiegen die Tränen. Der Schmerz zieht sich zurück. Das Vermissen nimmt wieder seinen gewohnten Platz ein. Ich stehe auf. Wir verabschieden uns von der Oma und den vielen anderen Verwandten. Gemeinsam gehen wir zum Ausgang. Ein letzter Blick zurück, ein inneres „Auf Wiedersehen!“, dann hat mich der Alltag wieder. Die Kinder haben Hunger und Durst.
Am Grab seines geliebten Freundes Lazarus kommen Jesus die Tränen. Er weint. Nicht heimlich, wie Herbert Grönemeyer es in seinem Lied „Männer“ singt, sondern öffentlich, sichtbar für alle, die um ihn herum sind. Er schämt sich seiner Tränen nicht. Sein Freund ist tot. Neben ihm stehen Maria und Martha, die Schwestern von Lazarus. Sie teilen den Schmerz und die Tränen.
Wäre Jesus doch nur eher da gewesen. Er hätte das verhindern können, oder nicht? Diese Gedanken kreisen in den Köpfen und Herzen der Schwestern und aller Trauernden. Wäre, hätte, könnte, … Die Konjunktive rotieren, der Schmerz bleibt.
Und Jesus? Der spricht im Angesicht des Todes von Auferstehung, und dass er das Leben ist und niemand tot bleibt, wenn er oder sie ihm glauben schenkt. Und, wie um dafür schon mal einen ersten Beweis zu liefern, ruft er in die Grabhöhle hinein: Lazarus, komm heraus! (Joh 11,43) Und Lazarus kommt heraus. Quicklebendig. Da ist das Staunen groß und vermutlich fließen bei einigen die nächsten Tränen. Freudentränen diesmal.
Da hat Jesus dem Tod ein Schnippchen geschlagen und seinen Worten Taten folgen lassen. Lazarus darf noch etwas weiterleben, bevor er dann irgendwann stirbt und in ein ewiges Leben aufersteht.
Es ist diese Hoffnung, die mir Trost schenkt am Grab meiner Mutter. Die meine Tränen versiegen lässt, so dass ich leben und Alltag gestalten kann. Oma ist bei Gott im Himmel. Deswegen ist sie die Himmel-Oma. So nennen unsere Kinder sie. Wir wissen sie in den guten Händen Gottes geborgen. Oma lebt ein erfülltes, schmerz- und leidfreies, gesundes neues Leben in Gottes Gegenwart. Daran erinnern die Verse rund um die Jahreslosung. (Offb 21,1-5) So hat Jesus es versprochen. Und bis zu unserem Wiedersehen, bzw. dem ersehnten Kennenlernen, vermissen wir sie, erzähle ich Geschichten über sie und wir weinen hin und wieder, weil sie fehlt.
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf