Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,24)
Momentan lese ich mit meiner ältesten Tochter gemeinsam J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“. Mit der Weggemeinschaft der Gefährten sind wir inzwischen weit gereist und gerade auf dem Weg von Isengart nach Minas Tirith. In Isengart lebt ein einstmals weiser Zauberer: Saruman. Sein Wohnsitz ist ein hoher Felsenturm inmitten eines schön angelegten Gartens, durch den ein Nebenfluss des großen Stroms, des Isen, fließt. Saruman jedoch ist der Gier nach Macht verfallen und hat sich mit dem dunklen Herrscher Sauron eingelassen. So staut er das Wasser des Isen, zerstört den Garten und baut Schächte und Maschinen, um eine Armee aufzustellen und auszurüsten. Was einst schön war, ist nun entstellt. Wo einst Leben blühte, ist nun eine stinkende Einöde. Und wo Frieden herrschte, ist nun Krieg.
Und dann ist da Baumbart, der älteste der Ents, Baumhirten, die große Ähnlichkeit mit Bäumen haben, aber gehen und sprechen können. Da Saruman auch unzählige Bäume gefällt hat, damit die Feuer in seinen Gruben nicht verlöschen, zieht er sich den Zorn des Waldes zu. Mit ihrer Kraft reißen die Ents die Mauern um Isengart und den Staudamm ein und leiten das Wasser des Isen durch die brennende Einöde Sarumans, um allen Schmutz, alle Zerstörung, alles Böse fortzuspülen.
Recht und Gerechtigkeit strömen wie ein Fluss hinein ins Unrecht und löschen die Feuer der Ungerechtigkeit. Ich musste bei dem Monatsspruch direkt an die von mir beschriebene Szene denken. Über weite Strecken ist im „Herr der Ringe“ kaum Hoffnung auf einen guten Ausgang, auf ein Ende der Dunkelheit und des Grauens, der Ungerechtigkeit und des Unrechts. Viel zu klein ist die Schar derer, die sich dem bösen Herrscher Sauron und seiner Lakaien, von denen einer Saruman ist, entgegenstellen. Viel zu gewaltig, gut vernetzt und mit Kraft auf dem Vormarsch scheint dieser Herrscher zu sein, der die freie Welt ins Unglück stürzen und mit Krieg überziehen und zerstören will. Und doch ist da ein Funken Hoffnung.
Eine ähnliche Spannung finden wir im Buch Amos. Auf der einen Seite scheint die Ungerechtigkeit in Israel übermächtig und der Prophet verkündet das Ende des Volkes Israel. Auf der anderen Seite wird er nicht müde, die Menschen immer wieder zum Guten aufzufordern, damit sie doch eine Zukunft haben. Und dazwischen öffnet sich der Raum der Hoffnung. Ein Raum, der Veränderung möglich macht, wie Prof. Dr. Dirk Sager von der Theologischen Hochschule Elstal in seiner Andacht zum Monatsvers schreibt. Und er kommt zu einem inspirierenden Gedanken, den ich mit euch teilen will:
„In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, steigender Preise und angekündigter Reformen des Sozialstaates wirkt Gerechtigkeit schnell wie ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gerechtigkeit ist die Grundlage für ein funktionierendes Zusammenleben. Ohne sie verlieren Menschen Vertrauen, Halt und Perspektive. Das Buch Amos erinnert daran, dass Gerechtigkeit kein Nebenprodukt guter Zeiten ist, sondern die Bedingung dafür, dass eine Gesellschaft stabil bleibt. Wir sind gefragt, diesen Gedanken ernst zu nehmen und unseren Beitrag dazu zu leisten, dass der Strom der Gerechtigkeit nicht versiegt.“
Welche Mauern oder Staudämme müssen wir einreißen oder überwinden, um Gerechtigkeit fließen zu lassen? Wie kommen wir unserer Verantwortung nach, Gerechtigkeit nicht versiegen zu lassen? Was ist mein Beitrag dazu? Und wie sieht deiner aus?
Mögen wir uns ob der überwältigenden Fülle an Ungerechtigkeit und Herausforderungen auch manchmal überfordert, zu kein und schwach fühlen, so ist da doch der Raum der Hoffnung, den Gott offen hält, für eine gute Zukunft – für dich und mich und diese Erde.
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf