Gott spricht: Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
Ezechiel/Hesekiel 34,16
Mit von der frischen Luft geröteten Wangen steht er da. Er trägt einen Hut zum Schutz vor Sonne und Regen. In der Hand hält er einen Stock. Zu seinen Füßen sitzen zwei Hunde. Während er erzählt, wandert sein Blick umher. Er behält sie im Blick, seine Herde. 700 Schafe sind ihm anvertraut. Er heißt Nick und ist 19 Jahre alt, als die Landesschau Rheinland-Pfalz über ihn, den Wanderhirten im Westerwald, berichtet. Sein Beruf ist sein Leben und er liebt alles daran: Bei jedem Wetter draußen sein, die Verantwortung für die Tiere und auch die langen Arbeitstage von 12 – 14 Stunden machen ihm nichts aus.
Den Schafen von Nick geht es gut. Er achtet darauf, dass sich keins verirrt. Besonders die Lämmer machen gern Unfug und entfernen sich dabei von der Herde. Oder kranke Schafe bleiben zurück, weil sie das Tempo nicht halten können. Nick hat sie im Blick und sorgt dafür, dass sie alle zusammenbleiben und es ihnen an nichts fehlt. „Man muss sein ganzes Leben zurückstellen, wenn man das lebt und liebt, dann macht man das aber auch gerne.“, sagt er und lächelt. „Sie leben dann für die Schafe.“, fügt er hinzu. Das ist es, was er tut; für seine Schafe leben.
Nick scheint mir ein guter Hirte zu sein. Einen, wie Gott ihn im Sinn hat, wenn er in Ezechiel 34 über viele schlechte Hirten und den einen guten Hirten spricht. Die schlechten Hirten zeichnen sich durch ihr miserables Verhalten ihren ihnen anvertrauten Tieren gegenüber aus. Anders als bei Nick und seinen Schafen geht es Gott um Herrschende und ihren ausbeuterischen Lebensstil. Machtmissbrauch und ein Leben in Hülle und Fülle auf Kosten anderer bringen ihn in Rage. Statt sich um ihr Volk zu sorgen, üben sie Gewalt aus. Wie eine verirrte Herde ohne Hirten ist Israel verstreut.
Was war passiert? Nachdem ein König nach dem anderen (mit wenigen Ausnahmen) im Nordreich Israel und Südreich Juda von Macht berauscht versagt, Gottes Gerechtigkeitsverständnis aus dem Blick verliert und sowohl innen- wie außenpolitisch unkluge Entscheidungen trifft, stürzt zuerst 722 v. Chr. das Nordreich Israel durch die Assyrer und 587 v. Chr. schließlich das Südreich Juda durch die Babylonier. Beides wird als Strafe Gottes für vorher begangenes Unrecht verstanden.
Ezechiel lebt im 6. Jh. v. Chr. in Jerusalem. Er kommt aus eine Priesterfamilie Jerusalems und wird, zusammen mit etlichen anderen jüdischen Menschen der Oberschicht, schon 598/597 v. Chr. im Rahmen der ersten Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar deportiert. Nicht jedoch nach Babylon, sondern nach Tel Aviv, um dort als Kriegsgefangener Wiederaufbauhilfe zu leisten. Dort beruft Gott ihn zum Propheten. Nach zahlreichen verstörenden, gewaltvollen Visionen und Zeichenhandlungen, entsetzlichen Gerichtsworten und nur vereinzelt in Aussicht gestellter Hoffnung auf eine friedliche Zukunft, kommt es zur Abrechnung mit den Hirten. Jene, die in Regierungsverantwortung standen und stehen, werden zur Rechenschaft gezogen und Gott selbst will als guter Hirte sein Volk wieder suchen, sammeln, versorgen, stärken, behüten und weiden. Diese Aussicht auf Rettung und Heilung, hineingesprochen in eine absolut desolate Situation, schenkt Hoffnung. Gott hat sein Volk nicht vergessen. Krieg und Zerstörung, der Verlust von Heimat und Tempel, die Gräueltaten, die damit einhergehen, alles das, was sich wie die Strafe eines vor Wut rasenden Gottes anfühlt, hat nicht das letzte Wort. Es sind auch hier die Gnade, die Barmherzigkeit und Fürsorge, die Liebe Gottes zu seinen Menschen, die sich durchsetzen und im Dunkel des Leids einen Hoffnungsschimmer aufleuchten lassen.
Einige Jahrhunderte später werden diese Worte und die folgenden Verse, die von einem Friedensreich unter der Herrschaft eines Davididen sprechen, Menschen dazu veranlassen, in Jesus Christus die Erfüllung von Gottes Verheißung zu sehen. Und Jesus selbst wird von sich als dem guten Hirten sprechen, der für seine Schafe lebt und sein Leben für sie gibt. Zur Herde dieses Hirten gehören auch wir. Seine Fürsorge und Gnade erfahren wir in unserem Leben Tag für Tag. Und in den Lebensphasen, die sich anfühlen, als würde unsere Welt auseinanderbrechen, als hätte Gott uns vergessen oder würde uns strafen, will ich nach dem Hoffnungsschimmer Ausschau halten, der mir versichert, dass Gott an meiner Seite ist und zu meiner Rettung eilt. Er ist ein guter Hirte, der niemanden aus dem Blick verliert, uns nachgeht, sammelt, versorgt, stärkt, behütet und weidet. Und er führt uns durch das finstere Tal. So habe ich es schon oft in meinem Leben erlebt und im Gespräch mit anderen von ihnen erfahren.
Und Nick? Nun, er zieht weiter mit seiner Herde durch den Westerwald. Er sucht die Tiere, die Exkursionen wagen und sammelt sie alle. Er kümmert sich um jene Tiere, die verletzt oder krankt sind, stärkt und versorgt sie und sucht nach guten Weideplätzen für seine Schafe. Er ist, so scheint es mir, ein guter Hirte, der mit und für seine Herde lebt.
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf