Gott spricht: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln.
Maleachi 3, 20
Es ist ein Novembertag, wie man ihn sich vorstellt: grau, kalt, verregnet. Menschen eilen die Wege entlang, die Kragen hochgeschlagen, die Kapuzen ins Gesicht gezogen, die Regenschirme gegen den Wind gestemmt. In Gruppen kommen sie an, schütteln den Regen und die Kälte ab, tragen sich in die ausliegende Liste ein, reichen einander zur Begrüßung die kalten Hände. Manche umarmen sich, lächeln. Small Talk und Anekdoten füllen das Schweigen. Dann, auf ein Zeichen, verstummen die Gespräche. Die Gruppe setzt sich in Bewegung, sie nehmen alle eine Kerze, folgen dem Mittelgang bis nach vorn. Ein großes Bild zeigt eine alte Dame, daneben eine weiße Urne und ein Blumenmeer, Kerzen flackern. Nachdem alle Platz genommen haben, erklingt das erste Lied: „Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht, die Gott lieben, werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht.“
Wenige Stunden später: Inzwischen ist es dunkel, kalt und verregnet. Menschen eilen auf hell erleuchtete Fenster und eine offene Tür zu. Im Vorraum werden sie willkommen geheißen. Den Regen und die Kälte lassen sie draußen. Wärme empfängt sie. In Grüppchen finden sie sich, begrüßen einander. Der Raum füllt sich mit Stimmen und Gelächter. Plätze werden eingenommen, Musik erklingt und gemeinsam singen sie: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr.“
An grauen, dunklen, kalten Tagen von der Sonne zu singen, ob bei Beerdigungen oder einem Gottesdienst am Abend des Buß- und Bettag, erfüllt mein Herz. Es ist, wie Sonnenstrahlen zu sammeln für den Winter und erinnert mich an die Geschichte von der Feldmaus Frederick, geschrieben von Leo Lionni. Während alle Feldmäuse Körner, Nüsse, Weizen und Stroh sammeln, sammelt Frederick die Erinnerung an Sonnenstrahlen, Farben und Wörter, um über den langen Winter zu kommen. Denn es ist nicht nur die Nahrung, die Leben erhält, es sind auch die Erinnerung an das Gute und Schöne, die Hoffnung auf helle Tage und das Vertrauen, dass einer, der alles in Händen hält, uns nicht vergisst und nach dem Winter den Frühling bringt.
Als Maleachi von der „Sonne der Gerechtigkeit“ spricht, die eines Tages aufgehen wird, sind es Worte der Hoffnung, die in eine Gesellschaft hineingesprochen werden, die von Korruption, Ungerechtigkeit und Armut geprägt ist. 100 Jahre nach der Rückkehr aus dem Exil in Babylon zweifeln die Israeliten an der Liebe Gottes. Sie bringen zum Tempel, was ihnen noch gut genug erscheint und Gott fühlt sich verachtet. Hinzu kommt, dass sich die Männer gegen Gott und ihre Ehefrauen wenden, indem sie andere Götzen anbeten und sich von ihren Frauen scheiden lassen, um mit Frauen anderer Kultur und Religion anzubandeln. Zwischen Gott uns Israel kracht es gewaltig, eine tiefe Beziehungskrise hat sich eingeschlichen. Doch Gott gibt nicht auf. Und so lässt er Hoffnung aufleuchten in der Finsternis: Die Sonne der Gerechtigkeit wird aufleuchten für all jene, die unter den genannten Umständen leiden und sie werden Heilung erfahren!
Dieses Hoffnungslicht strahlt auf, an Gräbern geliebter Menschen, die in Gottes Hand geborgen sind. Es strahlt auf in Gottesdiensten, die uns Gottes Beistand in den Herausforderungen des Lebens vergegenwärtigen. Es strahlt auf, wenn wir im Advent Kerzen anzünden, und auf Weihnachten zugehen in der Gewissheit, dass Jesus uns nicht vergessen hat, sondern da ist und wiederkommen wird, um Gerechtigkeit und Heilung zu bringen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine lichterfüllte, hoffnungsfrohe Advents- und Weihnachtzeit, in der wir uns Geschichten erzählen, die von der Liebe und Treue Gottes handeln, damit wir uns erinnern und nicht vergessen, dass nach dem Winter der Frühling kommt.
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf