Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)
Wenn ich an die Wende zurückdenke, die Öffnung der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands, dann denke ich an eine Barbiepuppe, Matchbox-Autos und meine betrunkenen Eltern. Alle drei Dinge hatten im November 1989 Prämiere. Als durch die Nachrichten ging, dass quasi ab sofort alle ungehindert die Grenze passieren durften, machten sich meine Eltern direkt auf den Weg in die Berliner Innenstadt. Meinen Bruder und mich brachten sie zu unserer Oma. Dass etwas Aufregendes passierte, konnten wir spüren, verstanden haben wir es erst später.
Bis zum 09. November 1989 endete unsere Stadt an der Friedrichstraße und nur Oma durfte weiterfahren. Wenn sie zurückkam, hatte sie Wethers Echte, Nimm 2 und Kinderschokolade dabei. Der Westen war für uns Kinder ein kunterbuntes, süßes, duftendes und leckeres Wunderland. Nach dem Mauerfall kamen unsere Eltern ziemlich angetrunken nach Hause und brachten mir meine erste Barbiepuppe mit und meinem Bruder die erste Packung Matchbox-Autos. Das war ein Feiertag!
Stück für Stück veränderte sich unsere Welt. Nachbarn verschwanden und wir hörten immer wieder „Die sind in den Westen rüber.“ In der Schule gab es keine Fahneneide und Apelle mehr, genauso wie die Pioniere nicht mehr existierten. Mein Vater verlor seine Arbeit und musste sich nach einer neuen Stelle umgucken. Der Umbruch betraf unser Leben und der anfänglichen Freude folgte bald Enttäuschung. Da wartete kein Schlaraffenland auf uns. Es wurde nicht einfach alles nur besser. Und Westberlin war weder bunt noch wohlduftend… Das hat uns Kinder schon ziemlich herb enttäuscht.
Aber wir waren freier als jemals zuvor. Wir konnten überall hin, wir durften alles sagen und endlich gab es auch zuhause ein Telefon.
Diese Freiheit, die für sehr viele Menschen viel mehr bedeutete als für mich und meinen Bruder, war lang ersehnt, bitter bezahlt und am Ende wie ein Wunder über uns hereingebrochen. Inzwischen sind 37 Jahre vergangen, in denen wir gemerkt haben, dass Freiheit ein hohes Gut und gleichzeitig eine immense Verantwortung ist. Sie bietet keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Sie ist nicht nur bunt, süß, duftend und lecker. Sie kostet Kraft, braucht Liebe und lebt von Besonnenheit. Und je länger die Zeiten der Unfreiheit zurückliegen, je komplexer die Herausforderungen werden und ein Gefühl zunehmender Unsicherheit einzieht, desto eher sind wir geneigt jenen zuzuhören, die uns scheinbar logische Antworten liefern, Grenzen anbieten und das Früher in schillernden Farben darstellen.
Ja, Freiheit ist wunderbar und anstrengend zugleich. Auf keinen Fall sollten wir sie leichtfertig verspielen, sondern uns als Kinder Gottes unverzagt, mit Kraft, Liebe und Besonnenheit für die Freiheit einsetzen. Jene, die uns Christus bringt und auch die, die unser politisches und gesellschaftliches Miteinander prägt – und herausfordert.
Lassen wir uns also von niemandem in die Falle locken – weder in unseren christlichen Gemeinschaften noch darüber hinaus. Wir sind frei, die Grenzen sind offen und über die noch bestehenden Mauern können wir mit Gott springen. Das ist anstrengend, ja, und es lohnt sich!
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf