Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Johannes 20,29)
Manchmal frage ich mich, ob ich wohl zum Glauben gefunden hätte, wenn ich nicht von klein auf in einer christlichen Familie aufgewachsen wäre. Ich habe auch gern Beweise für Thesen und Behauptungen. Und ich habe so viele Fragen, gerade im Bezug auf den Glauben; Fragen an Gott, an die Bibel, an die Christenheit… Vielleicht ist mir Thomas deswegen der liebste Jünger. Er fragt nach, wenn er Jesus nicht versteht. (Joh 14) Er glaubt seinen verzückten Freunden nicht, dass Jesus auferstanden ist. Kann ja jeder behaupten, er hätte Jesus gesehen! Das will er schon selber erleben, mit eigenen Augen sehen und mit seinen Händen begreifen. (Joh 20) Ich verstehe das, und wenn es die Chance gäbe, würde ich mir eine solche Jesus-Begegnung auch nicht entgehen lassen. Und Jesus? Er tut Thomas den Gefallen. Eine Woche später taucht er zum zweiten Mal bei seinen Freunden auf und zeigt sich Thomas, der diesmal vor Ort ist und staunend seinen Glauben bezeugt. Ja, er musste Jesus sehen, um zu glauben. Wie übrigens alle anderen Jüngerinnen und Jünger auch! Dass Jesus wahrhaftig auferstanden ist und den Tod besiegt hat, brauchte Augenzeuginnen und Augenzeugen. Sonst wäre ihr Zeugnis wenig glaubwürdig gewesen und vermutlich wäre die Jesusbewegung schnell verebbt. Menschen wie Thomas, die Fragen haben und Beweise einfordern, sind keine Ungläubigen. Dieser Beiname wurde ihm zu Unrecht angehängt. Fragen und Zweifel kosten Kraft, ja, aber sie bringen Menschen auch voran, fordern zum Nachdenken und Prüfen heraus, laden zu Perspektivwechseln und neuen Wegen ein.
Über Thomas erzählt man sich, dass er nach dieser entscheidenden Jesusbegegnung das Evangelium als Erster in den heutigen Iran und Irak gebracht hat und ihn sein Glaube schließlich bis nach Indien führten. Dort fand er möglicherweise in den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts den Märtyrertod.
Weil er gesehen hatte, konnte er seinen Glauben mit jenen teilen, die nicht sehen würden und dennoch zum Glauben fanden. Dass ich heute, fast 2000 Jahre später, glaube, verdanke ich dem Zeugnis jener Jüngerinnen und Jünger der ersten Stunde, die dem Auferstandenen begegnet sind. Einer von ihnen war Thomas. Ein Mensch, der Fragen hatte und Gewissheit brauchte; dem ich mich deswegen so nah fühle. Und der dazu beigetragen hat, dass ich am Ostermorgen mit fröhlicher Gewissheit sagen kann: Der Herr ist auferstanden! Und andere mir antworten: Er ist wahrhaftig auferstanden! Selige sind wir, die wir nicht sehen und doch glauben. Danke Thomas!
Pastorin Elisabeth Denkers
Christuskirche Großhansdorf