Eine starke gemeinsame Stimme

Einmal jährlich tagt das EBF Council, der Rat der Europäischen Baptistischen Föderation, zu deren Mitgliedern auch der BEFG zählt. Die EBF vereint Baptistenbünde aus Europa, dem Nahen Osten und Zentralasien. Nach Treffen in Bukarest 2014 und Sofia 2015 hatte dieses Mal der estnische Baptistenbund vom 28. September bis 1. Oktober nach Tallinn eingeladen, und mehr als 40 Länder waren mit ihren Delegationen vertreten. Für den BEFG war neben Generalsekretär Christoph Stiba sowie Joachim Gnep und Gunnar Bremer aus dem Dienstbereich Mission auch Marten Becker aus dem GJW dabei. Hier sein persönlicher Bericht.

Zum Eröffnungsgottesdienst begaben wir uns in die St.-Olavs-Kirche in der historischen Altstadt Tallins. Es gibt weltweit wohl wenige derart geschichtsträchtige Baptistenkirchen, denn das Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert galt zeitweise als das höchste Gebäude der Welt und erlebte das Kommen und Gehen zahlreicher Mächte und politischer Systeme. 1950 wurde es den Tallinner Baptisten übereignet und wird seither von ihnen genutzt. Die estnischen Gastgeber empfingen uns mit ihrem stimmgewaltigen Chor, der den Lobpreis leitete, bevor Asatur Nahapetyan, Präsident der EBF, die Delegierten herzlich willkommen hieß.

Ein zentraler Gewinn der Ratstagung liegt sicherlich in der Vernetzung der Delegierten und der Stärkung des Gemeinschaftsbewusstseins unserer baptistischen Familie über die Grenzen des eigenen Bundes hinaus. Ebenso gehören zum Council zahlreiche Berichte und Entscheidungen von großer Relevanz. Denn wie Tony Peck, Generalsekretär der EBF, betonte, repräsentieren die auf der Ratstagung verabschiedeten Resolutionen und getroffenen Entscheidungen eben genau die Aussagen, die wir alle gemeinsam sagen können. Die EBF sei, so Peck weiter, in ihrer Gesamtheit vielfältiger als jeder einzelne ihrer Mitgliedsbünde für sich gesehen. Wer die Diskussionsfreudigkeit der Baptisten etwa auf einer Bundesratstagung des BEFG erlebt hat, mag erahnen, wie viel größer die Bandbreite der vertretenen Meinungen unter Glaubensgeschwistern aus so unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten sein kann, wie sie in der EBF zusammenfinden. Dass dabei dennoch ein großes Verständnis füreinander sowie Bereitschaft und Motivation zur gemeinsamen Arbeit vorhanden sind, war die gesamte Konferenz hindurch als großer Segen spürbar.

Über alle Konferenztage hinweg gab es geistliche Impulse zum Thema „Die Baptistische Identität in einem post-konfessionellen Zeitalter“ – jeweils zu unterschiedlichen Teilaspekten und gefolgt von angeregten Diskussionen in Kleingruppen. Es folgten Berichte aus den einzelnen Abteilungen und Komitees der EBF, etwa des Frauenverbandes, der Abteilung Jugend und Kinder oder dem International Baptist Theological Study Centre (IBTSC) in Amsterdam, dem gemeinsamen theologischen Seminar der Mitgliedsbünde. Auch das neue Transform-Programm, das im März 2017 beginnen und junge Leiter aus verschiedenen Mitgliedsbünden auf zukünftige Aufgaben vorbereiten und schulen soll, wurde detailliert vorgestellt. Als künftiger Teilnehmer dieses Programms war ich beim Council mit dabei und konnte die Gelegenheit nutzen, andere Teilnehmende und Dozenten kennenzulernen.

Einblicke, die unsere gesellschaftliche Einbindung und Verantwortung verdeutlichten, gewährten Redebeiträge des estnischen Abgeordneten im EU-Parlament, Tunne Kelam, zur Frage „Hat Demokratie eine Zukunft ohne Jesus?“, sowie des Generalsekretärs der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), P. Heikki Huttunen.

Besonders bewegend waren die Geschichten und Berichte, die einzelne Delegierte aus ihrer Heimat mitbrachten. Die Anteilnahme an den Herausforderungen und Aufgaben, vor denen unsere Schwestern und Brüder in anderen, geografisch gar nicht weit entfernten Ländern stehen, prägte die Atmosphäre der Konferenz. Unsere Geschwister aus der Ukraine berichteten von einem gesegneten Forum zur internationalen Mission, in dessen Nachgang der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sogar ein Gesetz unterschrieb, das offizielle Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum 2017 festlegt. Doch der politische und militärische Konflikt schwelt weiter, und die Zukunft bleibt unberechenbar.

Im Libanon, wo der Großteil der syrischen Geflüchteten aufgenommen wurde, kommt mittlerweile ein Flüchtling auf zwei Libanesen. Die Herausforderungen, die mit dieser Entwicklung einhergehen, können wir nur erahnen, und der Dienst der libanesischen Baptisten findet längst nicht mehr nur in den Gemeinderäumen statt. Ähnlichen Aufgaben sieht sich der kleine türkische Baptistenbund gegenüber, zu dessen Unterstützung wir am Ende der Konferenz eine Resolution verabschiedeten. Finanzielle Unterstützung sowie Gebete werden dort dringend benötigt.

In zwei weiteren Resolutionen sprachen sich die Delegierten für ein Missionsverständnis aus, das das Evangelium in Wort und Tat vermittelt, und nahmen Stellung zu den menschenverachtenden Kriegshandlungen in Syrien.